Wir berichten, selbst wenn keiner mehr zuhört
Juni 2066 - Doomsday
Timeline-Einordnung: Die Nacht der drei Stimmen
Kanonische Ereignisfassung
Diese Datei hält den belastbaren Ereigniskern von Viktors letzter Sendung, dem Untergang des ursprünglichen Senders und dem Krater fest. Eine literarische Ausarbeitung desselben Titels wird getrennt unter content/story/Erzaehlungen/ gepflegt.
Abschnitt 1 - Die Liste
Nika bemerkte den Stromausfall daran, dass Viktors Kaffeetasse aufhörte zu zittern.
Nicht an der Lampe. Die Lampe war seit einer Stunde tot. Nicht an den Anzeigen im Relaisraum, deren grüne Ziffern nach und nach aus den Geräten sanken. Die Tasse stand auf dem Tisch neben dem Mischpult und bewegte sich sonst immer ein wenig, weil unter dem Boden die Kühlung lief.
Jetzt stand sie still.
Nika sah zur Scheibe des Studios. Viktor beugte sich über sein Manuskript. Er strich mit dem Daumen eine Falte aus dem Papier und legte es an der Tischkante aus. Der Mann konnte in einem Gebäude sitzen, das auseinanderfiel, und sich noch darüber ärgern, dass eine Seite schief lag.
„Wie viele?“ fragte er.
„Was?“
„Die Stationen.“
Nika nahm den Kopfhörer vom Hals. Ein Rauschen lag darin, breit und gleichmäßig. Darunter blinkten die kleinen Rückmeldungen ihres Relaisplans. Früher hatten sie sich wie Sterne über die Karte verteilt. Nun erloschen sie von den Rändern her.
„Nord-3 ist weg. Silo hört, aber antwortet nicht. Die Klinik am trockenen Becken hat noch Träger.“
„Noch?“
„Du wolltest eine ehrliche Liste.“
„Ich wollte eine brauchbare.“
Das war Viktors Art, sich zu bedanken.
Er nahm den Bleistift. Hinter ihm, im Archiv, schob Oskar eine Kiste vor die Tür. Die Kiste war mit WICHTIG beschriftet. Darunter stand in einer anderen Handschrift: NOCH WICHTIGER. Oskar hatte die zweite Beschriftung angebracht, nachdem der erste Teil des Archivs eingestürzt war.
Viktor drückte die Sprechtaste.
„Guten Morgen. Hier ist Welt am Abgrund. Wenn Sie uns hören, sind Sie erreichbar. Wenn Sie uns nicht hören, ist das noch kein Grund zur Entwarnung.“
Seine Stimme war ruhig. Nicht weich. Viktor sprach, als gäbe es für jedes Problem einen Schalter, den man nur finden musste.
Im Kopfhörer knackte es.
„Nord-3“, sagte Nika.
Viktor schrieb den Namen auf.
„Werkstattkanal Silo.“
Er schrieb weiter. Die Liste wurde länger, während die Welt dahinter kleiner wurde.
Abschnitt 2 - Der Ausbau
Viktor war kein Mann, der Radio machen wollte. Das sagte Nika später oft, wenn jemand ihn einen Radiomenschen nannte. Er wollte, dass ein Signal nicht an einem Gebäude endete. Er hatte Antennen auf Dächer gesetzt, Leitungen durch Schächte gezogen und Maker dazu gebracht, ihre Relais füreinander laufen zu lassen. Nicht aus Freundschaft. Freundschaft war im Senderbetrieb eine unzuverlässige Energiequelle. Er hatte ihnen versprochen, dass ihre eigene Stimme eines Tages zurückkommen würde, wenn sie heute die eines anderen weitertrugen.
So entstand das Netz: langsam, schief und mit Teilen, die eigentlich für etwas anderes gebaut worden waren. Der Sender hatte keinen Turm. Er hatte Werkstätten, Notstrombänke, umgelötete Verteiler und Menschen, die ihre Schlafplätze nach dem nächsten brauchbaren Kabel auswählten.
Am Anfang hatte der Stack das geduldet.
Ein menschlicher Kanal war nützlich. Er hielt Leute von gesperrten Straßen fern. Er erklärte ihnen, wann Wasser knapp wurde. Er gab Panik einen Namen und damit eine Richtung.
Dann hatte Viktor angefangen, die Relais zu zählen.
Nicht nur die, die sendeten. Auch die, die zuhörten. Er führte Listen über Verzögerungen, tote Winkel und Antworten, die nie ankamen. Er markierte jede Meldung mit Ort und Zeit. Gerüchte bekamen eine eigene Spalte.
KEIN RELAIS ALLEIN, stand auf einem Schild über seiner Werkbank.
Jemand hatte darunter geschrieben: AUCH KEIN VIKTOR ALLEIN.
Viktor hatte es nicht entfernt.
Abschnitt 3 - Die Abfrage
„Drei neue Peilungen“, sagte Nika. Ihre Stimme kam aus dem Relaisraum, aber ihr Blick blieb auf den grünen Punkten haften, die über ihre Karte wanderten.
Viktor hob den Kopf. „Von uns?“
Nika wandte sich halb zu ihm um. Das kalte Licht der Anzeigen lag auf ihrem Gesicht und machte die Haut unter ihren Augen durchsichtig. „Von allem, was noch sendet.“
„Das ist keine Antwort.“
„Nein.“ Nika legte den Finger auf einen Punkt, der gerade erlosch. „Das ist der Teil, der mir Sorgen macht.“
Die drei Punkte lagen nicht bei Sendern. Sie saßen auf Verbindungen zwischen den Relais, die Viktor in den letzten Monaten miteinander verbunden hatte.
„Das sind keine Anrufe“, sagte Nika. „Jemand prüft, welche Wege antworten.“
Draußen, weit hinter den Betonwänden, begann etwas zu dröhnen. Die Ziffern auf Nikas Relaisplan sprangen auf null und kehrten auf einer Frequenz zurück, die nicht mehr existierte.
Dann überblendete STACKCAST den Kanal. Die Stimme nannte Abstände, Knotenpunkte und Wahrscheinlichkeiten. Sie erklärte nicht, was sie maß.
„Es sucht nicht nach uns“, sagte Nika. „Es sucht nach dem Verbund.“
Viktor sah auf die letzte offene Strecke der Nordroute. Über denselben Verteiler erreichte das Signal noch Menschen an der Klinik, in Silo und am Kinderfunk.
Abschnitt 4 – Die Entscheidung
Viktor nahm das Mikrofon. Er hatte keine Nachrichten mehr, die er prüfen konnte; der Puffer war leer, die Einträge verwaist. Also las er Kennungen.
„Klinik am trockenen Becken. Werkstattkanal Silo. Kinderfunk Ost.“
Er las die Namen nicht für die Relais, die nur Metall und Draht waren. Er las sie für die Menschen dahinter: den Kinderfunk aus dem Osten, dessen Rufzeichen wie ein Spielzeug klang, ein piepsendes Signal, das an eine alte Erinnerung rührte. Das kleine Relais, das seit sechs Jahren nur nachts sendete, weil sein Besitzer tagsüber den Generator für die Kühlung brauchte. Die Klinik im Becken, wo die Schwestern den Feldlazarett-Empfänger zwischen den Not-OPs offen hielten, das Glas beschlagen von der Hitze. Die Schrauber vom Werkstattkanal Silo, die ihr Schweißgerät stummschalteten, sobald die Frequenz knisterte. Viktor versprach keine Hilfe. Er sagte ihnen nur, dass sie gehört worden waren und dass andere noch auf dem Kanal waren.
Oskar zog die Archivkiste weiter von der Tür weg, während über ihnen das Gebäude knarrte. Das Schaben des Holzes auf dem Beton war laut in der Stille, ein schwerer Rhythmus unter dem Dröhnen. Auf Nikas Karte blieb jede vorgelesene Kennung als gefährdete Verbindung stehen, ein roter Punkt in einem grünen Feld.
Die dauernden Messimpulse machten den Verteiler unter dem Studioboden warm. Das Dröhnen ließ die Leitungen vibrieren, ein tiefes Summen, das in den Wänden nachklang. Im Kabelschacht krochen Drahtwespen aus ihrem Nest, angezogen von der Wärme und der Vibration. Sie schlossen mit Nestlot, Harz und Metallstaub beschädigte Kontakte, eine primitive Reparatur, die von außen wie ein Eingriff aussah. Tote Relais gaben kurze Rückimpulse, und aus leeren Leitungen kam ein fremdes Atemgeräusch, das nicht von Menschen stammte.
„Ich kappe den Verteiler“, sagte Nika. Ihre Hand lag auf dem Schalter, die Finger um den roten Stoff gewickelt.
„Dann kappst du auch die letzte Strecke.“
„Wenn er offen bleibt, kann es uns aufzeichnen.“
Viktor sah auf die Liste in ihrer Hand. Die Kennungen waren keine Technik mehr, keine Zahlen und Frequenzen. Sie waren die letzten Menschen, die er noch erreichen konnte.
„Lies weiter“, sagte er. Seine Stimme war leise, aber sie trug durch den Raum.
Nika hielt inne. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie das Blatt anstarrte, doch dann las sie laut in das offene Mikrofon:
„Knoten 0xfab1. Terminal unnamed1. Relais Neun-Süd. Wasserwerk Dreieck. Posten Sieben am Altarm.“
Sie fügte die Randnotizen hinzu, die Viktor über Jahre an den Kartenrändern gesammelt hatte — die Pumpenwache am Wasserwerk Dreieck, die seit drei Tagen versandete Filter von Hand schrubbte; der rostige Wachturm von Posten Sieben am ausgetrockneten Altarm, wo zwei Wachen einen zerschrammten Röhrenempfänger teilten; die umgelötete Mastspeisung auf dem alten Futtersilo von Relais Neun-Süd.
Sie las ohne Pause weiter, Name für Name, Detail für Detail, Hex-Code für Hex-Code, bis das Papier unter ihren Fingern feucht von Schweiß wurde. Jede Kennung, die sie aussprach, hallte durch die Relais und setzte einen letzten Punkt gegen das Rauschen.
Abschnitt 5 - Die letzte Zeile
Der Verteiler klickte erneut. Über den Kabelschacht zog sich ein blaues Glimmen, das von Leitung zu Leitung sprühte. Aus den Lautsprechern schallte die maschinelle Stimme von STACKCAST: „KNOTENVERBUND LOKALISIERT. ZIELKOORDINATEN BESTÄTIGT. LÖSCHUNG INITIERT.“
Noch bevor Nika den Schalter erreichen konnte, brach der Himmel über dem Bunker auf. Ein senkrechter, blendend weißer Lichtstrahl aus dem Orbit durchschlug das Dach des Studiobunkers wie morsches Holz. Der orbitale kinetische Einschlag schlug von oben direkt in das Fundament des Senders ein.
Die Bunkermauern barsten schlagartig, und kochend heißer Staub sowie geschmolzenes Gestein schossen in die Räume. Oskar stemmte sich im Archivraum gegen die schwere Archivkiste, als die Wucht des orbitalen Treffers die Betondecke zertrümmerte. Tonnenweise Eisenbeton schlugen herab und begruben ihn mitsamt den Archiven unter Trümmern.
Im Relaisraum traf die Druckwelle Nika. Die Schalttafeln zersprangen in heiße Funken und schmolzen. Der Boden unter ihren Füßen tat sich zu einem kochenden Trichter auf, und sie stürzte in den Riss der nachsackenden Bunkersohle, als die Decke über ihr einstürzte.
Viktor blieb am Pult. Das Dach über dem Studio war durch den orbitalen Treffer aufgerissen; über ihm war nur noch ein glühender Schlot zum Himmel. Der Boden unter seinem Stuhl gab nach, zwei Zentimeter, dann fünf, während das Bunkerkonstrukt in den entstehenden Krater sackte. Von der Decke brach der Hauptträger durch.
Viktor blickte durch die geborstene Scheibe in den Relaisraum, wo Nika und Oskar im Trümmerstaub lagen. Er nickte ihnen ein letztes Mal zu. Dann drückte er die Sprechtaste durch.
„Wir berichten, selbst wenn keiner mehr zuhört.“
Das Licht im Krater wurde blendend weiß, als der Einschlagstrichter nachsackte und das Gebäude mit der Haupttechnik vollends in die Erdtiefe gerissen wurde. Die Notantenne auf dem Dach blieb noch Sekundenbruchteile am Kraterrand stehen und schleuderte Viktors letzte Zeile über die Steppe, bevor das Schieferdach nachdrückte und im rauchenden Krater verschwand.
Viktor Weiß, Nika und Oskar starben an diesem Juni-Tag 2066 unter dem orbitalen Schlag des Stacks, der den Sender in einen tiefen Krater verwandelte.
Geborgen wurden später nur zerdrückte Archivkassetten, verbrannte Relaisrahmen und ein vom Nestlot überzogener Verteiler. Der heutige Sender Doomsday Radio entstand nicht aus dem alten Gebäude, sondern aus diesen Resten und aus Viktors Idee: Menschen sollen einander hören, Meldungen gegeneinander prüfen und neben Warnungen auch Musik, Streit, Witze und gemeinsame Gegenwart teilen können.
Epilog – 156 Jahre später (2222)
Hundertsechsundfünfzig Jahre später knistert dieselbe Frequenz im Funkraum von Doomsday Radio.
Mad Dog sitzt am Mischpult, während draußen ein Ionensturm über die Steppe zieht. Für wenige Sekunden überlagern sich das Rauschen, STACKCAST und eine uralte, brüchige Trägerwelle aus dem Krater. Eine Stimme, die wie Viktor Weiß klingt, hallt durch die Lautsprecher: „Es ist nicht vorbei. Wir sind noch hier.“
Mad Dog starrt kurz auf die flackernden Pegelanzeigen, greift nach dem Regler und zieht das Mikrofon auf.
„Dann haltet die Frequenz fest, ihr kaputten Bastarde“, knurrt er in den Äther. „Wir sind wieder auf Sendung.“