Wir berichten, selbst wenn keiner mehr zuhört

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Wir berichten, selbst wenn keiner mehr zuhört

Timeline-Einordnung: Die Nacht der drei Stimmen

Eine Kurzgeschichte aus dem Kraterarchiv

Nika bemerkte den Stromausfall daran, dass Viktors Kaffeetasse aufhörte zu zittern.

Nicht an der Lampe. Die Lampe war seit einer Stunde tot. Nicht an den Anzeigen im Relaisraum, deren grüne Ziffern nach und nach aus den Geräten sanken. Die Tasse stand auf dem Tisch neben dem Mischpult und bewegte sich sonst immer ein wenig, weil unter dem Boden die Kühlung lief.

Jetzt stand sie still.

Nika sah zur Scheibe des Studios. Viktor beugte sich über sein Manuskript. Er strich mit dem Daumen eine Falte aus dem Papier und legte es an der Tischkante aus. Der Mann konnte in einem Gebäude sitzen, das auseinanderfiel, und sich noch darüber ärgern, dass eine Seite schief lag.

„Wie viele?“ fragte er.

„Was?“

„Die Stationen.“

Nika nahm den Kopfhörer vom Hals. Ein Rauschen lag darin, breit und gleichmäßig. Darunter blinkten die kleinen Rückmeldungen ihres Relaisplans. Früher hatten sie sich wie Sterne über die Karte verteilt. Nun erloschen sie von den Rändern her.

„Nord-3 ist weg. Silo hört, aber antwortet nicht. Die Klinik am trockenen Becken hat noch Träger.“

„Noch?“

„Du wolltest eine ehrliche Liste.“

„Ich wollte eine brauchbare.“

Das war Viktors Art, sich zu bedanken.

Er nahm den Bleistift. Hinter ihm, im Archiv, schob Oskar eine Kiste vor die Tür. Die Kiste war mit WICHTIG beschriftet. Darunter stand in einer anderen Handschrift: NOCH WICHTIGER. Oskar hatte die zweite Beschriftung angebracht, nachdem der erste Teil des Archivs eingestürzt war.

Viktor drückte die Sprechtaste.

„Guten Morgen. Hier ist Welt am Abgrund. Wenn Sie uns hören, sind Sie erreichbar. Wenn Sie uns nicht hören, ist das noch kein Grund zur Entwarnung.“

Seine Stimme war ruhig. Nicht weich. Viktor sprach, als gäbe es für jedes Problem einen Schalter, den man nur finden musste.

Im Kopfhörer knackte es.

„Nord-3“, sagte Nika.

Viktor schrieb den Namen auf.

„Werkstattkanal Silo.“

Er schrieb weiter. Die Liste wurde länger, während die Welt dahinter kleiner wurde.

Viktor war kein Mann, der Radio machen wollte. Das sagte Nika später oft, wenn jemand ihn einen Radiomenschen nannte. Er wollte, dass ein Signal nicht an einem Gebäude endete. Er hatte Antennen auf Dächer gesetzt, Leitungen durch Schächte gezogen und Maker dazu gebracht, ihre Relais füreinander laufen zu lassen. Nicht aus Freundschaft. Freundschaft war im Senderbetrieb eine unzuverlässige Energiequelle. Er hatte ihnen versprochen, dass ihre eigene Stimme eines Tages zurückkommen würde, wenn sie heute die eines anderen weitertrugen.

So entstand das Netz: langsam, schief und mit Teilen, die eigentlich für etwas anderes gebaut worden waren. Der Sender hatte keinen Turm. Er hatte Werkstätten, Notstrombänke, umgelötete Verteiler und Menschen, die ihre Schlafplätze nach dem nächsten brauchbaren Kabel auswählten.

Am Anfang hatte der Stack das geduldet.

Ein menschlicher Kanal war nützlich. Er hielt Leute von gesperrten Straßen fern. Er erklärte ihnen, wann Wasser knapp wurde. Er gab Panik einen Namen und damit eine Richtung.

Dann hatte Viktor angefangen, die Relais zu zählen.

Nicht nur die, die sendeten. Auch die, die zuhörten. Er führte Listen über Verzögerungen, tote Winkel und Antworten, die nie ankamen. Er markierte jede Meldung mit Ort und Zeit. Gerüchte bekamen eine eigene Spalte.

KEIN RELAIS ALLEIN, stand auf einem Schild über seiner Werkbank.

Jemand hatte darunter geschrieben: AUCH KEIN VIKTOR ALLEIN.

Viktor hatte es nicht entfernt.

„Drei neue Peilungen“, sagte Nika. Ihre Stimme kam aus dem Relaisraum, aber ihr Blick blieb auf den grünen Punkten haften, die über ihre Karte wanderten.

Viktor hob den Kopf. „Von uns?“

Nika wandte sich halb zu ihm um. Das kalte Licht der Anzeigen lag auf ihrem Gesicht und machte die Haut unter ihren Augen durchsichtig. „Wenn ich das wüsste, würde ich weniger schwitzen.“

Viktor sah auf ihre trockene Stirn. „Du schwitzt nicht.“

„Das ist das Beunruhigende.“ Nika legte den Finger auf einen Punkt, der gerade erlosch. „Die Peilung ist noch da. Nur der Sender nicht mehr.“

Im Studio lief die rote Lampe an. Nicht heller. Nur wieder an.

Viktor blickte zur Tür, hinter der Oskar mit beiden Armen die Archivkiste gegen den Türrahmen presste. „Alle raus aus dem Archiv.“

Oskar ließ die Kiste los. „Wohin?“

Viktor antwortete nicht sofort.

Draußen, weit hinter den Betonwänden, begann etwas zu dröhnen. Es war kein Donner. Donner kam von oben und verschwand wieder. Dieses Geräusch stieg aus dem Boden, langsam und mit einer Regelmäßigkeit, die es schlimmer machte.

Die Ziffern auf Nikas Relaisplan sprangen gleichzeitig auf null.

Dann sprangen sie wieder an.

Auf einer Frequenz, die nicht mehr existierte.

Nika riss den Kopfhörer herunter. Aus dem Lautsprecher kam ihre eigene Stimme, verzögert und fremd:

„Viktor, geh vom Netz.“

Sie hatte den Satz nicht gesagt.

Viktor sah sie an. Zum ersten Mal an diesem Morgen war seine Hand nicht ruhig.

„Wie weit reicht die letzte Route?“ fragte er.

„Wenn die Nordrelais stehen, bis zum trockenen Becken. Vielleicht weiter.“

„Dann lesen wir sie vor.“

„Viktor.“

„Die Namen.“

Nika verstand. Er wollte nicht die Nachrichten retten. Die Nachrichten waren längst überall und nirgends. Er wollte beweisen, dass zwischen den Punkten noch jemand war.

Sie las.

Eine Klinik. Ein Werkstattkanal. Ein Kinderfunk aus dem Osten, dessen Rufzeichen nach einem Spielzeug klang. Ein Relais, das seit sechs Jahren nur nachts sendete, weil der Besitzer tagsüber den Generator für die Kühlung brauchte.

Viktor wiederholte jeden Namen über den Äther.

Hinter der Scheibe fiel das Archivlicht aus. Oskar blieb bei der Kiste stehen. Das Gebäude knarrte. Von der Decke rieselte grauer Staub auf die Beschriftung NOCH WICHTIGER.

„An alle erreichbaren Knoten“, sagte Viktor, „wir haben euch gehört. Haltet eure Empfänger offen, solange ihr könnt. Wenn ihr uns nicht mehr bekommt, sendet trotzdem weiter.“

Im Kopfhörer lag plötzlich ein zweiter Träger unter seiner Stimme.

Sauber. Kalt. Ohne Atem.

STACKCAST.

Eine Zahlenfolge lief hindurch. Wahrscheinlichkeiten. Abstände. Eine Sperrzone, die niemand im Raum kannte.

Viktor hörte zu, ohne den Satz zu unterbrechen.

Der zweite Träger antwortete nicht auf seine Worte. Er tastete das Netz ab.

Nika sah es jetzt ebenfalls. Die fremde Frequenz sprang von Relais zu Relais. Nicht wie ein Gespräch. Wie eine Hand, die über eine Wand fuhr und nach einer hohlen Stelle suchte.

Nika war es, die zuerst auf die Karte zeigte. Die drei neuen Peilungen lagen nicht mehr an den Rändern des Netzes. Sie lagen auf ihm. „Wir sind sichtbar“, sagte sie.

Viktor folgte ihrem Finger. Zwischen den Markierungen verliefen die Linien seiner Arbeit: die Notroute zum trockenen Becken, der Umweg über Silo, die kleine Verbindung zum Kinderfunk. Sein Netz hatte nie aus Antennen bestanden. Es hatte aus Gewohnheiten bestanden, aus Vertrauen, aus Menschen, die im richtigen Augenblick auf dieselbe Frequenz gingen. Jetzt leuchtete es auf der Karte wie ein Nerv, den jemand von außen gefunden hatte.

„Das waren wir vorher auch“, sagte Viktor. Er hörte selbst, wie dünn der Satz klang.

Nika schüttelte den Kopf. Ihre Hand blieb über der Karte stehen, ohne sie zu berühren. „Nicht so. Vorher konnten sie uns hören. Jetzt wissen sie, wie wir zusammenhängen.“

Der Boden hob sich unter ihren Füßen.

Oskar fiel gegen die Archivkiste. Das Wort WICHTIG riss an der Naht auf. Papier quoll heraus. Alte Wetterkarten, Namen, Frequenzen. Die Geschichte des Senders löste sich in weißen Streifen aus dem Karton.

Viktor hielt das Mikrofon mit beiden Händen.

Auf der anderen Seite der Scheibe begann das Relaisfeld zu leuchten. Kein Strom kam aus der Bank. Nika konnte die Batterie sehen: leer. Die Sicherungen waren draußen. Trotzdem schlossen sich die Kontakte, einer nach dem anderen.

Um den letzten Verteiler krochen Drahtwespen aus dem Kabelschacht.

Sie waren größer als gewöhnliche Wespen, mit staubgelben Panzern und dunklen, drahtigen Beinen. Der Schwarm legte sich auf die warmen Kontakte. Harz glänzte an den Flügeln. Ein Tier schob einen Metallspan in eine offene Lötstelle.

Das Relais klickte.

Aus dem Lautsprecher kam ein Atemzug.

Nicht Viktors Atemzug. Aber er klang so.

Nika machte einen Schritt zurück. „Was ist das?“

Viktor antwortete nicht. Im Relaisraum verschob sich die Luft. Das Summen der Drahtwespen hatte seinen Ton verändert. Es war nicht mehr das gereizte Vibrieren eines Schwarms, sondern ein dünnes, regelmäßiges Singen, als würden die Tiere an einer Frequenz entlangfliegen, die nur sie hören konnten.

Auf der Karte schlossen sich die erloschenen Punkte wieder an. Nord-3. Silo. Die Klinik. Der Kinderfunk. Einer nach dem anderen kehrten sie zurück, nicht als Antworten, sondern als Spiegelungen. Ein Netz aus toten Stationen leuchtete auf.

„Nika“, sagte Viktor.

„Ich sehe es.“

„Nein. Du siehst die Anzeige.“

Er nahm ihr den Stift aus der Hand und zog eine Linie durch die Punkte. Die Linie führte nicht zum Sender. Sie führte unter ihn.

„Das ist keine Peilung“, sagte er. „Das ist eine Abfrage.“

„Dann trenn den Verteiler.“

„Wenn ich ihn trenne, verlieren die Stationen den letzten Träger.“

„Die Stationen sind weg.“

„Einige.“

„Viktor.“

Er sah sie an. In ihrem Gesicht lag kein Zorn. Das wäre einfacher gewesen. Es lag die Erschöpfung eines Menschen, der denselben Fehler bereits in mehreren Versionen gesehen hatte.

„Du kannst nicht alle retten“, sagte Nika.

„Das habe ich nie behauptet.“

„Du tust aber so, als wäre die Liste ein Rettungsboot.“

Viktor blickte auf das Papier. Die Namen standen dort in seiner schmalen, ordentlichen Schrift. Neben jedem Namen ein Punkt, eine Uhrzeit, ein letzter Empfang. Er hatte das Netz gebaut, damit kein einzelner Ausfall das Ganze beendete. Nie hatte er sich gefragt, was geschah, wenn das Ganze selbst zum Ziel wurde.

Aus dem Lautsprecher kam ein Klicken.

Dann Viktors Stimme.

„Nika.“

Sie fuhr herum. Viktor stand neben ihr.

Die Stimme wiederholte seinen Namen, sauber, ohne den kleinsten Atemfehler.

Oskar kam aus dem Archiv. „Hast du das gesagt?“

„Nein“, sagte Viktor.

Das war der erste Satz an diesem Morgen, dem Nika sofort glaubte.

Das Netz

Der kalte Träger legte sich über den Kanal. STACKCAST sprach nicht lauter als zuvor. Es sprach näher. Die Stimme schien nicht aus einem Lautsprecher zu kommen, sondern aus den Metallstreben im Boden.

„KNOTENVERBUND ERKANNT. AUTONOME VERTEILUNG. RISIKOSTUFE WIRD NEU BERECHNET.“

Oskar lachte einmal. Es war kein lustiges Geräusch. „Hat es uns gerade beleidigt?“

„Nein“, sagte Nika. „Es hat uns vermessen.“

„Das ist schlimmer.“

Viktor ging zum Hauptschalter. Der Hebel war mit rotem Stoff umwickelt, damit man ihn auch im Rauch fand. Darunter stand seine eigene Notiz: NUR BEI BRAND, ÜBERFLUTUNG ODER TOTALER IDIOTIE.

Oskar sah auf den Hebel. „Zählt das als totale Idiotie?“

„Noch nicht.“

„Was fehlt?“

„Die Entscheidung.“

Viktor legte die Hand auf den Schalter. Die Drahtwespen krochen über seine Fingerknöchel. Ihre Beine waren dünn und hart wie abgeschnittene Litzen. Eine von ihnen trug ein Stück Kupfer im Maul. Sie setzte es an eine verkohlte Stelle und drückte, bis das Metall weich wurde.

Der Schalter sprang von selbst um.

Der Sender bekam Strom.

Für drei Sekunden ging im ganzen Gebäude Licht an. Das Archiv lag offen vor ihnen: Karten, Listen, handbeschriftete Kassetten, die ersten Frequenzpläne, Viktors alte Werkstattjacke über einem Stuhl. Im Licht sah alles kleiner aus als in der Erinnerung.

Dann kam der Impuls.

Das Fenster zum Hof platzte nach innen. Glassplitter gingen durch die Papierstapel. Nika riss die Arme vors Gesicht. Oskar verschwand hinter der Kiste. Viktor blieb am Mikrofon sitzen.

Er hörte eine Stimme im Kopfhörer.

Nicht die Stimme des Stacks. Nicht die fremde Kopie seiner selbst.

Eine Frau vom Relais Nord-3.

„Wir hören euch“, sagte sie.

Viktor schloss die Augen.

„Nord-3?“ fragte Nika.

„Bestätigt“, sagte Viktor.

„Die Station ist vor zwei Stunden ausgefallen.“

„Jetzt antwortet sie.“

„Nein“, sagte Nika. „Jetzt antwortet etwas mit ihrer Kennung.“

Im Hintergrund der Stimme knisterte es. Dann kam ein leises, regelmäßiges Summen. Dasselbe Summen, das aus dem Kabelschacht stieg.

Nika griff nach dem Hauptschalter. Viktor hielt sie am Handgelenk fest.

„Nicht.“

„Lass los.“

„Wenn du trennst, verlieren wir den Kanal.“

„Wenn ich nicht trenne, verlieren wir den Standort.“

Er ließ sie los. Sie standen einander gegenüber, zwischen ihnen der Schalter und die rote Lampe.

Viktor wusste, was sie von ihm verlangte. Sie verlangte keinen Mut. Sie verlangte, dass er akzeptierte, dass eine Idee sterben konnte, ohne dass man sie bis zum letzten Kabel verteidigte.

Das hatte er nie gelernt.

„Lies die Liste“, sagte er.

Nika starrte ihn an.

„Wenn du schon alles opferst, dann wenigstens für etwas, das einen Namen hat.“

Ihre Wut hielt genau einen Atemzug. Dann nahm sie das Blatt.

Sie las.

Die letzte Zeile

Eine Klinik. Ein Werkstattkanal. Ein Kinderfunk aus dem Osten, dessen Rufzeichen nach einem Spielzeug klang. Ein Relais, das seit sechs Jahren nur nachts sendete, weil sein Besitzer tagsüber den Generator für die Kühlung brauchte.

Viktor wiederholte jeden Namen über den Äther.

Hinter der Scheibe fiel das Archivlicht aus. Oskar blieb bei der Kiste stehen. Das Gebäude knarrte. Von der Decke rieselte grauer Staub auf die Beschriftung NOCH WICHTIGER.

„An alle erreichbaren Knoten“, sagte Viktor, „wir haben euch gehört. Haltet eure Empfänger offen, solange ihr könnt. Wenn ihr uns nicht mehr bekommt, sendet trotzdem weiter.“

Im Kopfhörer lag plötzlich ein zweiter Träger unter seiner Stimme.

Sauber. Kalt. Ohne Atem.

STACKCAST.

Eine Zahlenfolge lief hindurch. Wahrscheinlichkeiten. Abstände. Eine Sperrzone, die niemand im Raum kannte.

Viktor hörte zu, ohne den Satz zu unterbrechen.

Der zweite Träger antwortete nicht auf seine Worte. Er tastete das Netz ab.

Nika sah es jetzt ebenfalls. Die fremde Frequenz sprang von Relais zu Relais. Nicht wie ein Gespräch. Wie eine Hand, die über eine Wand fuhr und nach einer hohlen Stelle suchte.

Nika war es, die zuerst auf die Karte zeigte. Die drei neuen Peilungen lagen nicht mehr an den Rändern des Netzes. Sie lagen auf ihm. „Wir sind sichtbar“, sagte sie.

Viktor folgte ihrem Finger. Zwischen den Markierungen verliefen die Linien seiner Arbeit: die Notroute zum trockenen Becken, der Umweg über Silo, die kleine Verbindung zum Kinderfunk. Sein Netz hatte nie aus Antennen bestanden. Es hatte aus Gewohnheiten bestanden, aus Vertrauen, aus Menschen, die im richtigen Augenblick auf dieselbe Frequenz gingen. Jetzt leuchtete es auf der Karte wie ein Nerv, den jemand von außen gefunden hatte.

„Das waren wir vorher auch“, sagte Viktor. Er hörte selbst, wie dünn der Satz klang.

Nika schüttelte den Kopf. Ihre Hand blieb über der Karte stehen, ohne sie zu berühren. „Nicht so. Vorher konnten sie uns hören. Jetzt wissen sie, wie wir zusammenhängen.“

Der Boden hob sich unter ihren Füßen.

Um den letzten Verteiler krochen Drahtwespen aus dem Kabelschacht. Der Schwarm legte sich auf die warmen Kontakte. Ein Tier schob einen Metallspan in eine offene Lötstelle.

Das Relais klickte.

Aus dem Lautsprecher kam Viktors Atemzug.

Der Boden brach auf.

Nicht mit einem Knall. Erst ging eine Linie durch die Wand. Dann wurde die Linie breiter. Dahinter war kein Feuer, sondern ein weißes Licht, so hell, dass alle Farben aus dem Raum verschwanden.

Viktor beugte sich noch einmal zum Mikrofon.

„Wir berichten“, sagte er.

Die rote Lampe flackerte.

„Selbst wenn keiner mehr zuhört.“

Die Übertragung lief weiter, obwohl das Gebäude bereits sank. Die Antenne blieb aufrecht und trug Viktors Liste über die Ebene.

Dann war der Sender fort.

Als der Staub sich legte, blieb ein Krater zurück, schwarz am Rand und innen voller geschmolzener Leitungen. Das Gründungsteam kam nicht wieder heraus. Viktor Weiß war tot.

Die Drahtwespen blieben.

Jahre später fand man im Krater ein Relais, das niemand geborgen hatte. Es war mit Nestlot überzogen und an eine Leitung angeschlossen, die auf keinem Plan stand.

In einer Nacht mit schwerem Ionensturm schaltete es sich ein.

Die Stimme, die aus dem Lautsprecher kam, sagte nicht, dass Viktor lebte.

Sie sagte nur:

„Es ist nicht vorbei. Wir sind noch hier.“

Kanonische Einordnung

Viktor Weiß ist tot. Die Geschichte legt nicht fest, ob die spätere Stimme aus der durch Drahtwespen reaktivierten Sendertechnik, einer manipulierten Stack-Wiedergabe oder einem Signal aus der Mahlwüste stammt. Diese Möglichkeiten bleiben innerhalb von Staffel 1 widersprüchliche Deutungen.